Zu lange Zeit hat die Waage mein Leben bestimmt. Was sie beim allmorgendlichen Wiegen anzeigte, war maßgebend dafür, ob mein Tag erfolgreich sein würde oder von vornherein zum Scheitern verurteilt war. Zeigte sie ein paar Gramm mehr als am Tag zuvor, gönnte ich mir keine Ruhe, keine Pause. Den ganzen Tag lang stand ich unter einem unglaublichen inneren Druck, denn ich hatte etwas nachzuholen, etwas gutzumachen. Ich hatte mich wohl am Tag zuvor nicht genug unter Kontrolle gehabt, war nicht fleißig und diszipliniert genug gewesen. Solange ich das nicht wettgemacht hatte, war alles düster, grau und sinnlos. Nichts hätte mich dann glücklich stimmen können. Erst eine positive Botschaft auf der Waage am nächsten Morgen konnte mich wieder froh machen. Bis dieses Ziel erreicht war, gestattete ich mir nicht einmal, überhaupt an Nahrungsaufnahme zu denken. Zeigte die Waage zu viel an, wusste ich, dass ich mal wieder versagt hatte. Ich musste mich also noch mehr anstrengen. Aber auch an den Tagen, die durch die Zahl auf dem Display der Waage unter einem guten Stern standen, aß ich wenig oder gar nichts, denn das Gefühl, dass ich meinen Hunger besiegt und mich total unter Kontrolle gehabt hatte, war ein so befriedigendes, dass ich nichts anderes mehr brauchte, um mich wohl zu fühlen und zufrieden zu sein. Das Wissen, ich könnte und dürfte etwas essen, wenn ich wollte, aber ich musste nicht, hatte es gar nicht nötig, gab mir ein Gefühl der Überlegenheit. Ich kam mir nicht mehr so klein und wertlos neben anderen vor, denn auch ich hatte etwas geschafft. Hungern. Ich war der festen Überzeugung, sehr selbstbestimmt und unabhängig zu leben. Und das war es, was ich wollte, wonach ich strebte. Meine Familie setzte große Hoffnungen in mich. Sie sprachen mir Fähigkeiten zu, die ich selbst in mir nicht erkennen konnte. Durch meinen Schulabschluss und durch die finanzielle Unterstützung meiner Familie standen mir viele Möglichkeiten offen. Ich konnte das jedoch nicht als Chance nutzen, denn ich hatte das Gefühl, dass mir keine Wahl blieb. Hinter allem stand das große "du musst". Ich fühlte mich zutiefst schuldig, denn ich wollte dem Bild, das viele von mir hatten, gerne entsprechen, wollte gut und erfolgreich sein. Aber wie hätte ich das erreichen können, wo ich mir doch selbst nicht das Geringste zutraute? Ich fühlte mich dumm, einfalls- und wertlos; allerhöchstens war ich mittelmäßig. Dabei hatte ich doch das drängende Bedürfnis, in irgendetwas ganz besonders gut zu sein; etwas, das nur ich konnte, in dem ich erfolgreich war und Anerkennung fand. Ich war überfordert, und der der Anspruch, den andere an mich zu haben schienen, blockierte mich. Ich fühlte mich allein gelassen, begann, mich vor dem Leben zu fürchten. Während um mich herum alles so fremd und ich so orientierungslos war, bot mir das Hungern eine Fluchtmöglichkeit, gab mir Halt und Sicherheit. So erschuf ich mir eine kleine Welt, in der ich mich zurechtfand. Der Weg jedoch, den ich einschlug, um diese ersehnte Selbstständigkeit und Autonomie zu erlangen, führte mich in die völlig entgegengesetzte Richtung. Ich nahm nicht wahr, dass ich mit jedem Tag ein Stück mehr von mir selbst hergab; dass ich nicht für, sondern mit aller Kraft und Energie, die ich aufzubringen vermochte, gegen mich kämpfte. Ich war es nicht mehr selbst, die am Steuer saß und bestimmte, wo es langgeht. Die Waage, die Sucht hatten längst die Führung übernommen und bestimmten mein Handeln, hatten die totale Kontrolle über mein Leben. Ich war so abhängig wie nie zuvor. Die Portionen, die ich aß, verringerten sich Schritt für Schritt und wurden im Laufe der Zeit immer kalorienärmer. Wie alles andere geschah auch das nicht gezielt, nicht bewusst. Ich hatte keinen Vorsatz. Es ging mir nicht wirklich darum, schlank um jeden Preis, und auch nicht darum, dünn zu sein. Gewisse Mechanismen und Prinzipien, die die Magersucht für sich beansprucht, zum Beispiel das Kalorienzählen, habe ich ganz automatisch angenommen und praktiziert. Die Sucht gab die Regeln vor, nach ihnen richtete ich mich. Während in der Anfangszeit mein Frühstück nur noch aus normalem Milchkaffee bestand, ersetzte ich bald die Vollmilch durch fettarme, dann durch entrahmte, bis ich den Kaffee schließlich schwarz trank. Ich bildete mir jedoch ein, er schmecke mir genau so und nicht anders. Vor mir selbst und vor anderen leugnete ich jegliches Hungergefühl. Irgendwann empfand ich dann wirklich keinen Hunger mehr, denn wie alle anderen Gefühle hatte ich auch ihn so lange unterdrückt, dass ich ihn nicht mehr spüren konnte. Fast ein halbes Jahr lang bestand meine Tagesration aus einer Tasse Suppe. Auf diese eine Mahlzeit am Abend freute ich mich den ganzen Tag lang. Ich zögerte die Nahrungsaufnahme so lange wie möglich hinaus. Ich genoss die Vorfreude. Damit der eigentliche Akt des Essens möglichst lange andauerte, tat ich mir nie mehr als eine Kelle auf, legte Pausen ein, um dann später noch einmal an den Topf gehen zu dürfen. Ich genoss jeden Löffel. Eine solche Mahlzeit konnte den ganzen Abend ausfüllen. Natürlich verspürte ich danach kein wirkliches Gefühl der Zufriedenheit, auch wenn ich damals der festen Überzeugung war, es sei so. Welcher ausgehungerte Mensch ist schon nach einer wässrigen Suppe schon wirklich zufrieden satt? Doch ich gestand mir Nahrung nicht mehr zu, war es nicht wert, etwas genießen zu dürfen. Ich hatte jeglichen Kontakt zu mir und meinen Bedürfnissen, Wünschen, Instinkten verloren. Ich fühlte mich nicht mehr. War erstarrt, tot, leer. Ich sprach mir jedes Recht auf Existenz ab. Ich war nicht gut genug, um essen zu dürfen, leben zu dürfen. In dieser Zeit wurde ich Meisterin im Ausreden-Erfinden. Für mich selbst und vor anderen. Ich merkte nicht, dass ich mich auf die schlimmste Weise selbst hinterging und mich selbst am meisten betrog. Ich erfand immer neue Methoden, um Treffen, die mit Essen verbunden waren, zu umgehen. So brauchte ich nicht zu erklären, warum ich mich nicht am Essen beteiligte. Die Vorstellung, in Gesellschaft essen zu sollen, genügte, um mich in Panik zu versetzen. Ich musste mich darauf vorbereiten können. Wenn zum Beispiel ein unausweichlicher Familienbesuch anstand und ich in eine Situation geraten würde, in der ich mich am Essen beteiligen müsste, um nicht tausend Fragen, Blicke, Vorwürfe über mich ergehen lassen zu müssen, sorgte ich vor: In der Zeit, die mir bis zu dieser unumgänglichen Verabredung blieb, aß ich gar nichts mehr. Manchmal waren es zwei Tage, manchmal zehn. Diese völlige Askese war für mich sozusagen die „Vorarbeit“. Es war mir dann möglich, ohne schlechtes Gewissen eine kleine Portion von etwas anderem als meiner gewohnten Tütensuppe zu mir zu nehmen. Was ich nicht aß, trank ich. Sechs bis sieben Liter am Tag waren keine Seltenheit. Anfangs trank ich, um Hungergefühle zu unterdrücken und nicht spüren zu müssen, dass mein Magen leer war und nach Nahrung schrie. Später fand ich darin einen Ersatz, der mir Befriedigung gab. Die psychische Leere versuchte ich, durch Hungern auszufüllen; die entstandene physische Leere füllte ich mit Flüssigkeit. Doch durch das Trinken allein konnte ich meinen Hunger nicht stillen. Oft lag ich nächtelang wach, weil er mich daran hinderte zu schlafen. Manchmal wachte ich auf, weil mein Kiefer schmerzte. Ich hatte die Zähne so weit zusammengebissen, dass es wehtat. Unterbewusst war mir meine Situation damals bereits unerträglich geworden. Doch ich musste um jeden Preis durchhalten, weitermachen, durfte nicht auf halber Strecke aufgeben. Das bedeutete: Zähne zusammenbeißen und durch. Ich konnte und wollte nicht mehr schlucken, denn das, was ich bis dahin in mich hineingefressen hatte, war zuviel gewesen, als dass jetzt noch für wirkliche Nahrung Raum blieb. Meine Kehle war wie zugeschnürt, etwas, für das ich erst allmählich Worte finde, und drückte mir die Luft ab. Es dauerte lange, bis ich mir meine Krankheit eingestand und endlich zu erkennen begann, wie ich meinen Körper misshandelte. Ich erschrak vor mir selbst, vor meinem eigenen Körper beziehungsweise was davon übrig geblieben war.
Start
Startseite Gästebuch Über diese Seite
my World
Über mich Gewicht Ziele 2008
Stuff
Romantic Ana Forum Joggingplan Tipps Refeed Diäten Storys Depressionen SVV Favorite Food&Drinks Thinspos Links Eure TopListe
Credits

Gratis bloggen bei
myblog.de