Sinas weiterhin zunehmender Leistungswille hat es ihr ermöglicht, ihre guten Noten besonders im schriftlichen Bereich und im Sportunterricht noch zu steigern", liest Oma vor. "Jedoch sollte sie darauf achten, dass ihre sozialen Kontakte zu den Mitschülern nicht unter ihrem starken Ehrgeiz leiden."
"Leistungswille, starker Ehrgeiz. Na also!" Mama lächelt stolz, nachdem Oma ihr mein Zeugnis weitergereicht hat. "Habe ich ja gesagt! Und du hast geglaubt, das Mädchen hätte Probleme. Solche Traumnoten schafft nun mal nur ein stabiler, gesunder junger Mensch." Sie holt ihre Handtasche aus dem Flur, öffnet ihr Portmonee und schenkt mir zwanzig Euro.
"Kauf dir eine hübsche Bluse", sagt sie und zwinkert mir mit einem "Ihr-jungen-Dinger-wollt-euch-ja-auch-mal-flott-zurechtmachen"-Blick zu. Dabei sehe ich genau die Szene vor mir, die sich hier abspielen würde, wenn ich mit einem Top nach Hause käme, das ich wirklich gern hätte. Garantiert stellt sie sich unter "Hübsche Bluse" was ganz anderes vor.
Also nehme ich ihr das sorgsam in eine Dokumentenhülle geschobene Zeugnis aus der Hand und lege es auf Papas Platz am Esstisch, damit er es heute Abend gleich unterschreiben kann. Dann schiebe ich den Geldschein in meine Hosentasche und rechne heimlich nach, wie viele Schachteln Abführmittel ich dafür bekomme.

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Nach der Hitze draußen und in den Umkleideräumen kommt mir das Wasser im 50-Meter-Becken eiskalt vor. Als ich eintauche, schlagen meine Zähne so heftig aufeinander, dass es das ganze Bad hören müsste, und ich bekomme am ganzen Körper eine Gänsehaut. Ich schwimme gleich los, von Bewegung vergeht das Kältegefühl, und tatsächlich fange ich nach wenigen Schwimmzügen an, mich zu entspannen.
Kälte entzieht dem Körper Kalorien, deshalb habe ich mir auch dieses Bad für meine fast täglichen Trainingsbahnen ausgesucht. Am Anfang hatte ich kaum Kondition, aber das änderte sich bald. Jetzt verlasse ich die Halle frühestens nach einer Dreiviertelstunde, vielleicht halte ich heute sogar noch länger durch. Die Zeit nach der Schule, am frühen Nachmittag, ist die beste, da sind die Rentner und Schulklassen schon weg und die Berufstätigen noch nicht da, sodass ich das Sportbecken fast für mich alleine habe. Mit kräftigen, gleichmäßigen Schwimmstößen arbeite ich mich durchs Wasser und stelle mir vor, wie jede Bewegung meine Muskeln kräftigt, das Fett an Bauch und Oberschenkeln schwinden lässt und mich meinem Traumgewicht näher bringt. Einige Bahnen neben mir schwimmt eine Frau, ebenfalls allein. Wenn wir uns begegnen, nickt sie mir zu oder lächelt. Zwei alte Männer dümpeln leise plaudernd im Wasser herum. Die Bademeisterin kenne ich schon vom Sehen, eine etwas herb wirkende Frau Mitte dreißig mit flacher Brust, kurzen kräftigen Beinen in Holzklapperlatschen und einem strengen Gesicht. Auch sie grüßt mit einem Blick, aber sie sieht mich irgendwie merkwürdig an. Was das soll, weiß ich nicht, ich habe ihr nichts getan.
Nach einer halben Stunde fangen meine Arme an wehzutun, eigentlich könnte ich jetzt an den Rand schwimmen und mich ein wenig ausruhen. Aber ich schwimme weiter, ich will durchhalten! Alles andere wären ungenutzte Minuten, in denen ich keine Kalorien verbrauche, und das, wo ich heute Abend noch Pizza essen muss. Ich schwimme und schwimme, versuche nichts mehr zu denken. Schließlich schaffe ich es, meine schmerzenden Muskeln nicht mehr zu spüren. Dann ist die Zeit um. Wenn ich irgendwo noch ein halbwegs brauchbares Geschenk für Melli auftreiben will, muss ich jetzt raus.
"Mädchen, du verausgabst dich ja völlig", sagt die Bademeisterin leise, als ich an ihr vorbei zur Dusche gehe.
Das höre ich gern. Meine Knie zittern sogar ein wenig, jetzt, da ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Eine Stunde und zehn Minuten lang bin ich geschwommen, ohne abzusetzen. Auf dem Weg zum Umkleideraum begegne ich noch einmal der Bademeisterin, die meinen ganzen Körper von oben bis unten mustert.
"Das ist doch Wahnsinn, was du da machst, Mädchen", sagt sie. "Und immer ganz allein."
Ich schaue an ihr vorbei und lasse sie einfach stehen.

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"Wie du aussiehst." Mamas Stimme klingt gereizt. "Wie eine ganz dürre Ziege." Mit heftigen Armbewegungen sortiert sie die Wäsche auf dem gekachelten Badezimmerfußboden, dreißig, sechzig, fünfundneunzig Grad. Ich stehe in Unterwäsche hinter ihr am Waschbecken und antworte nicht. Es ist sechs Uhr morgens und noch dunkel draußen. Beim Aufstehen war mir etwas schwindelig gewesen, und nachdem ich mich minutenlang am Heizungsrohr festgehalten hatte, um abzuwarten, bis mein Kreislauf in Gang gekommen ist, habe ich vergessen, mich im Bad einzuriegeln. Wenn ich Mama jetzt bitte, mich allein zu lassen, gibt es bestimmt erst recht wieder Streit. Meine Katze Mandy hat sich unter einem der drei Wäscheberge versteckt. Ich schicke sie sanft hinaus.
"Ich möchte bloß wissen, wie das noch weitergehen soll mit dir", fährt Mama fort. "Deine Freundinnen essen doch auch alle vernünftig. Schau dir Melli an oder Tina. Richtig blühende, frische Mädchen sind das. Und du? Sieh nur mal in den Spiegel!"
Ich öffne die beschlagene Spiegeltür unseres Alibert-Schränkchens, wische sie blank und klappe sie zu mir, bis ich meine Mutter darin sehe. Ich betrachte ihr weißes, tagescremeglänzendes Gesicht, das eng anliegende, fleischfarbene Mieder aus Polyester, die schwabbeligen Oberschenkel.
"Hauptsache, ich werde nicht wie du." Ich klappe die Spiegeltür wieder zu, lasse eiskaltes Wasser in das Becken laufen und tauche mein Gesicht hinein.
"Deine Mutter hat zwei Kinder zur Welt gebracht und ein Leben lang hart gearbeitet. Das bleibt nicht ohne Spuren. Aber da kannst du noch gar nicht mitreden, und das wirst du auch niemals schafften, so wie du herumläufst." Mama presst ihre Lippen zusammen und stopft die Kochwäsche in die Maschine. "Bis vor ein paar Monaten haben die Nachbarn immer zu mir gesagt, also Ihre Tochter, die hat sich aber prima herausgemacht. Inzwischen haben sie längst damit aufgehört. Du hast keinen Busen und keinen Hintern mehr."
"Ich will auch nicht herumlaufen wie eine Kuh mit Euter, nur damit die was zum Tratschen haben." Ich beginne mein langes dunkelblondes Haar zu bürsten. Ich gefalle mir. Seit ich abgenommen habe, wirken meine grünen Augen größer, vielsagender. Die Wangenknochen treten stärker hervor und ver leihen meinem Gesicht einen interessanten Ausdruck.
"Mit deinen eingefallenen Wangen siehst du halb verhungert aus. Das haben wir doch nicht nötig, Mensch!" Mama schlägt die Tür der Waschmaschine zu und wählt das Programm.
"Dir mag es gleichgültig sein, was die Leute denken. Aber das fällt doch alles auf mich zurück. Glaubst du, mir macht es Spaß, wenn draußen geredet wird, du bekämst nicht genug zu essen bei mir?"
"Was für Fressorgien hier stattfinden, sehen deine wahnsinnig wichtigen Nachbarn doch an Papa, dir und Felix. Das reicht doch. Außerdem kann ich selbst entscheiden, wie viel ich esse, Mama. In vier Monaten werde ich sechzehn."
"Siehst aber aus wie eine Zwölfjährige." Bei dem Wort "Zwölf" werden ihre Lippen ganz spitz. "So nimmt dich doch keiner mehr ernst."
"Ich war das ganze Jahr über stellvertretende Klassensprecherin."
"Die werden sich schon eine andere suchen, wenn du erst aus den Latschen kippst. Beeil dich jetzt, das Frühstück wartet."
Ich wasche mich sorgfältig, als meine Mutter endlich draußen ist. Langsam lasse ich einen heißen, feuchten Waschlappen über meinen Körper gleiten, fühle die Rippen, die Beckenknochen, meine schmalen Knie. Ja, so will ich sein, eher sogar noch dünner - wie Jörg aus meiner Klasse, der essen kann, was er will, und nicht zunimmt. Noch zwei oder drei Kilo weniger, dann werde ich schon ziemlich nah an meiner Traumfigur dran sein. Das werde ich auch noch schaffen, und danach kann ich ruhig auch mal wieder etwas mehr essen.

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Mir ist schlotterkalt. Seit mindestens zwei Stunden versuche ich nun schon, mich so fest in meine Bettdecke einzuwickeln, wie ich kann, und trotzdem wird es nicht wärmer. Geschlafen habe ich heute Nacht auch kaum, genau wie in den Nächten davor. Meistens habe ich Magenkrämpfe und renne dauernd aufs Klo: Wenigstens die Abführmittel zeigen also Wirkung. Wahrscheinlich kommt auch meine Regelblutung bald, zumindest wird es langsam mal Zeit. Ich hatte sie schon ewig nicht mehr.

Wenn mein Magen ganz leer ist, fühlt sich alles in mir wund an, dennoch fühle ich mich befreit. Während ich wach liege, lausche ich dem vertrauten Knurren meines Magens und male mir aus, was ich alles essen werde, wenn ich erst mal richtig schlank bin. Vorhin habe ich Gymnastik gemacht, allein, im Dunkeln, auf dem Teppichboden in meinem Zimmer.

Ganz kurz denke ich an Fabio, aber kalt ist mir trotzdem. Eine halbe Stunde, bevor mein Wecker klingelt, stehe ich auf und lasse mir heißes Badewasser einlaufen. Als ich endlich in der Wanne liege, endlich auftaue und spüre, wie ich von Minute zu Minute weicher werde, fange ich an zu weinen. Ich bin froh, dass mich niemand sieht und nach dem Grund fragt. Ich hätte keine Antwort gewusst.
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